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Bild | Bewegung

 

Vier Möglichkeiten gegen eine Wand zu rennen – Der Titel der vier großformatigen, an die Wand gelehnten Gemälde lässt die einzelnen Werke als Resultat dieser Aktion erscheinen. Vier Mal halten die mit transparenter Gaze bespannten, 260 x 360 cm großen Rahmen die konzentrierten Setzungen der Malerin fest. Alle vier Arbeiten beziehen sich auf die menschliche Figur, die überlebensgroß in Fragmenten teils ausladender Gesten und Bewegungen erfasst wird. Gesten, Körperhaltungen und Bewegung werden in den Arbeiten Sarah Loibls als Motiv und Prozess zum Thema, zugleich erweisen sie sich aber auch als raffinierte Konstrukte. Die enorme Vergrößerung der bruchstückhaft evozierten Körper schafft Distanz zu den ursprünglich an der Staffelei vor dem Modell in Lebensgröße erfassten Motiven. Der Maßstabswechsel und die Collagetechnik stellen darüber hinaus eine Zäsur dar, die dem Betrachtenden eine unmittelbare Bezugnahme zum eigenen Körper verwehrt und stattdessen einen Raum schafft, in dem reale und imaginäre Bewegung miteinander verwoben werden.

Durch den transparenten Bildgrund hindurch sind an der Wand Schlagschatten zu sehen. Sie werden von pastosen, die feinen Poren des Gewebes verschließenden Farbspuren hervorgerufen. Solchermaßen verdoppelt werden die Pinselzüge selbst zu einem Motiv. Mal bleiben ihre Schattenbilder abstrakt und selbstreferentiell, mal bilden sie als Silhouette ein Echo der gemalten Körperfragmente. Wo die Poren des Textils unverschlossen sind, ruft die Malerei keinen Schatten hervor, so sehr die Farbe auf dem schleierartigen Gewebe auch leuchten mag. Umgekehrt lässt der Schatten einer ausgestreckten Hand erst auf die zartgelben pastosen Pinselzüge aufmerksam werden, die ihn hervorbringen. Die Präsenz des Schattens bezeugt den Malakt gerade da, wo seine Spuren kaum sichtbar sind. So wird auch die Abwesenheit der Körper bewusst, deren Bewegungen Loibl in zahllosen vorbereitenden Studien auf transparenten Papierbahnen eingefangen hat.

Gefaltet und zerschnitten bilden die Studien das Material für die wechselnden Bild-Gefüge der Werkgruppe Konvolut Möglichkeiten. Hinter Glas gerahmt halten sie Momente des Findens fest, ohne das ihnen innewohnende Potenzial zur Veränderung zu verlieren. Die Beweglichkeit dieses bildnerischen Denkens schafft autonome Räume, in denen der Eigensinn der ursprünglichen Haltungen der fragmentierten Körper erhalten bleibt. Hierzu tragen die pikturalen Umkehrungen und Widersprüche bei, welche die Konstellationen der Papierarbeiten charakterisieren, die durch die collageartige Anordnung, Überlagerung und Verdichtung der Fragmente entstehen. So kann eine Figur in diesen Räumen gleichzeitig entschieden voranschreiten und zurückblicken wie in der Arbeit Roundtrip aus dem Konvolut Möglichkeiten. Auch oben und unten stehen bei der Anordnung der Fragmente auf der Bildfläche nicht von vorneherein fest, wie auch die Ausrichtung der Arbeiten im Raum verschiedene Möglichkeiten der Präsentation zulässt. Das Bild eröffnet auf diese Weise einen Handlungsraum, der – über die intuitive Bezugnahme zum eigenen Körper hinaus – auch vom Betrachter wechselnde Positionierungen einfordert.

Ist der vor den Arbeiten aus dem Konvolut Möglichkeiten erfahrene Handlungsraum vor allem ein imaginärer, so greifen Bild- und Realraum bei den großen transparenten Gemälden auf komplexe Weise ineinander. Vor der Werkgruppe Vier Möglichkeiten gegen eine Wand zu rennen beginnt man sich unwillkürlich zu bewegen, um das Verhältnis zwischen der Malerei, ihrem Grund und dem Raum, in dem sich die Werke befinden, zu erkunden. Mit dem Sonnenstand wandern die Schatten über die Wand hinter den Bildern. Je diffuser das Licht wird, desto weicher werden die teils grafischen, teils farbigen Schatten, um schließlich bei indirekter Beleuchtung ganz zu verschwinden. Je nach Beleuchtungssituation verändern die Gemälde ihre Erscheinung. Die zwischen Malerei und Schatten entstehenden Interferenzen machen es mitunter schwer zu entscheiden, wo genau nun das Bild zu lokalisieren ist. Stellt man, wie von der Künstlerin als weitere Präsentationsform vorgesehen, die vier transparenten Gemälde hintereinander, werden sie zu einem kompakten Bildspeicher. Die Intervention im Raum setzt das Bild hinter dem Bild fort. Jenseits ihrer Verkörperung wirft die Malerei Sarah Loibls so die Frage nach dem Ort der Bilder auf.

 

Iris Wien

Image | Movement

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